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Herzlichen Glückwunsch zum 250. Geburtstag, Amerika!

Old Glory Die amerikanische Flagge weht auf einem historischen Segelschiff im Seefahrts-Museum von San Diego, 2018

An diesem Tag vor 250 Jahren wurde die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika verabschiedet. Ich möchte diese Gelegenheit nutzen, um meinen amerikanischen Freunden zu diesem ganz besonderen Tag zu gratulieren. Es lebe Amerika!

In der Vergangenheit hatte ich ein schwieriges Verhältnis zu den USA — wie wohl jeder Europäer, insbesondere jeder Deutsche. Einerseits bin ich mit jenem fast schon mythischen Geschichtsbild aufgewachsen, das ebenso sehr auf Wahrheit wie auf Propaganda beruht und mit dem jeder Deutsche meiner Generation aufgewachsen ist: dass die Vereinigten Staaten mein Land, Deutschland, nicht nur einmal, sondern zweimal gerettet haben. Zunächst retteten sie uns im Zweiten Weltkrieg vor uns selbst. Dann retteten sie uns vor dem bösen russischen Reich, indem sie unser Land in zwei Hälften teilten und uns von unserer eigenen Hauptstadt trennten.

Ich kann mich zwar nicht mehr an den Kalten Krieg selbst erinnern, aber ich weiß noch, wie es sich anfühlte, in dieser Zeit aufzuwachsen. Und ich erinnere mich an die Euphorie, die mein Land 1989/1990 erfasste, als die Berliner Mauer endlich fiel. Ich erinnere mich, wie dankbar die Deutschen den Amerikanern für die Wiedervereinigung unseres Landes waren, und ich wurde erwachsen in dieser Zeit grenzenlosen Optimismus, die die offensichtliche Torheit des sogenannten Endes der Geschichte kennzeichnete.

Ich bin in Bluejeans und der Musik von Bruce Springsteen aufgewachsen. Ich schaue schon mein ganzes Leben lang amerikanische Fernsehserien, und von Star Trek: The Next Generation über MacGyver bis hin zu Sons of Anarchy haben sie meine Sicht auf die Welt geprägt. Wegen (vor allem) amerikanischer Videospiele, die zu einer lebenslangen Leidenschaft geworden sind, habe ich beschlossen, Englisch zu lernen, und später an der Uni Anglistik studiert.

Fab in Goodsprings Der Autor, im November 2018, auf einer Straße in Goodsprings, Nevada, die jedem, der „Fallout: New Vegas“ gespielt hat, sehr vertraut sein dürfte

Aber ich habe auch Geschichte studiert. Dabei habe ich die vielen skrupellosen Kriege recherchiert, welche die USA überall auf der Welt geführt haben, seit sie nach 1945 zur de facto-Weltmacht geworden sind. Abgesehen von einer kurzen Phase nach dem 11. September wurde ich mein ganzes Leben lang ständig mit der Vorstellung indoktriniert, dass „diese dummen Amerikaner“ verrückt seien. Dass Amerikaner kein Verständnis für Geografie hätten, aber ständig an der geopolitischen Lage herumspielen und sich zu Hause dummerweise gegenseitig erschießen — das sind Vorstellungen, die in der europäischen Kultur und Politik bis zum Überdruss wiederholt wurden, seit ich alt genug war, den öffentlichen Diskurs wahrzunehmen.

Im Kern der europäisch-amerikanischen Beziehungen, aus europäischer (und insbesondere deutscher) Sicht betrachtet, liegt eine eigentümliche Zweideutigkeit. Einerseits gibt es eine fast gedankenlose Unterwürfigkeit gegenüber der amerikanischen Militärmacht und Kultur. Deutschland ist bis heute im Grunde ein besetztes Land, in dem mehr US-amerikanische und britische Militärmacht stationiert ist als eigenes Militär. Wir feiern die wissenschaftlichen und kulturellen Errungenschaften der USA, während wir unsere eigenen ständig unter den Scheffel stellen. Die Tatsache, dass ich genau diesen Blogbeitrag zuerst auf Englisch gechrieben habe, sagt schon viel aus. Die Europäer haben blind an jedem Wort der Präsidenten Clinton, Obama und Biden gehangen. Bei Bush Jr. war es etwas anders, aber selbst da haben sich unsere Politiker fast ausnahmslos jeder wichtigen US-Politik gebeugt.

Andererseits halten wir die Amerikaner für dumm. Sie können unsere Länder nicht einmal auf einer Landkarte finden, sie haben uns den Großteil ihrer Küche und ihrer Kultur gestohlen und scheinen alle zwei Sekunden mit einer Begeisterung umherzuballen, die uns gänzlich unveständlich ist. Sie mögen dumme, barbarische Sportarten wie Football und Käfigkämpfe und scheinen uns immer wieder in sinnlose Kriege hineinzuziehen, die niemand braucht. Angefangen bei Bush Jr., aber eigentlich erst richtig bei Trump, sind wir nun auch davon überzeugt, dass amerikanische Staatsoberhäupter Idioten sind. Einerseits verachten die Europäer die Amerikaner, andererseits kaufen wir immer ihre Produkte und tun letztendlich eigentlich immer, was sie sagen. Das ist wirklich eine seltsame Hassliebe!

Bis weit in meine Dreißiger hinein habe ich den meisten antiamerikanischen Vorurteilen geglaubt. Was soll ich sagen — Erziehung lässt sich nur sehr schwer, ja fast gar nicht, abschütteln. Heutzutage würde ich gerne glauben, dass ich viel aufgeschlossener bin als der durchschnittliche Europäer. Tatsächlich habe ich die USA etwas ins Herz geschlossen. Sicher, das Land hat seine Probleme. Aber welches Land hat die nicht? Wir Deutschen sollten gar keine Urteile fällen. Selbst wenn man unsere jüngste Geschichte außer Acht lässt, haben wir im Moment zu Hause schon genug Probleme.

In den letzten Jahren habe ich eine stille Bewunderung für die USA entwickelt, und ich ertappe mich sogar dabei, wie ich das Land und seine Politik gegenüber anderen Europäern ziemlich regelmäßig verteidige. Dieser Sinneswandel ist vor allem auf all die Amerikaner zurückzuführen, mit denen ich in den letzten Jahrzehnten über soziale Medien in Kontakt gekommen bin. Einige von ihnen sind zu meinen Freunden geworden. Ich habe mit vielen sehr anständigen Menschen aus Amerika gesprochen und einige davon sogar persönlich getroffen. In den letzten Jahren habe ich viel amerikanische Country-Musik gehört. Da ich einen Teil meiner Jugend in Australien verbracht habe, bin ich schon mein ganzes Erwachsenenleben lang ein Fan von Country-Musik, aber in letzter Zeit ist mir der amerikanische Stil besonders ans Herz gewachsen. Ich habe das Gefühl, dass er in vielerlei Hinsicht zur modernen Version des Punk geworden ist.

Laurel Canyon Boulevard Ein Anblick wie aus den „Bosch“-Romanen: das nächtliche Panorama am Laurel Canyon Boulevard in den Hollywood Hills

Ich habe mir Bosch und Yellowstone angesehen, mich in deren Figuren verliebt und begonnen, das Land mit anderen Augen zu sehen. Schießunterricht hat mir geholfen, Waffen richtig zu verstehen, und als UFC-Fan habe ich eine neue Wertschätzung für den amerikanischen Sport entwickelt. Was ich an den USA jedoch am meisten bewundere, ist das unerschütterliche Bekenntnis des Landes zu persönlicher Freiheit und insbesondere zur Meinungsfreiheit. Seine einzigartige Stellung in der Geschichte hat eine Kultur geprägt, die diese Werte viel höher schätzt, als es Europäer im Allgemeinen tun. Und da ich — aus welchem Grund auch immer, vielleicht weil all die US-amerikanische Kultur, die ich mein ganzes Leben lang aufgenommen habe, bei mir einfach besser gewirkt hat als beim Durchschnitts-Europäer — persönliche Freiheit, Gerechtigkeit (im Gegensatz zu Gesetzen) und natürlich die Meinungsfreiheit selbst enorm schätze, kann ich nicht umhin, neidvoll über den großen Teich auf Orte wie Texas oder Montana zu blicken. Hier in Europa scheinen diese Werte stark im Niedergang begriffen zu sein, und unsere demokratischen Werte, von den Bürokraten in Brüssel eifrig vorangetrieben, scheint zu verfallen.

Ich bin der Meinung, dass wir als Europäer an diesem ganz besonderen Jahrestag der Vereinigten Staaten von Amerika mit offenem Herzen und unvoreingenommem Intellekt auf die USA blicken sollten. Nein, die USA sind nicht perfekt. Aber wir können dennoch viel von diesem ganz besonderen Land lernen. Und wenn wir tief in uns hineinhorchen, wissen wir das bereits. Warum sonst würden wir so viel kulturelle Inspiration aus Amerika beziehen? Wir lieben amerikanische Fernsehsendungen, Filme, Musik und Mode. Fast alles, was für uns fortschrittlich in Wissenschaft, Technik und Politik ist, kommt aus den USA. Seien wir ehrlich: So sehr wir auch über die Amerikaner schimpfen, wir lieben sie doch von ganzem Herzen. Desshalb: Lasst uns Amerika heute feiern, an diesem 250. Jahrestag dieses großartigen Landes!

🎵 YouTube: Sierra Ferrell – American Dreaming

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