Windrose: Spaßiger Jack-Sparrow-Simulator für kleines Geld

Siebzehnhundert-und-ein-paar-kaputte: Edward Teach, auch bekannt als Blackbeard, hat sich zum König der Piraten ausgerufen und seine Flotte beherrscht die Karibik. Mit ihr belagert er Tortuga. Ihr versucht, euch durch die Blockade zu schlagen und zu entkommen. Euer Schiff wird aufgebracht und versenkt. Euch wirft man mit schweren Verletzungen kurzerhand über Bord. Als ihr auf dem Strand einer kleinen Insel erwacht, schwört ihr Rache. Zuerst einmal müsst ihr auf der einsamen Insel überleben. Und dann braucht ihr ein Boot. Danach steht der eigenen Freibeuter-Karriere nichts mehr im Wege.
So beginnt das Piraten-Abenteuer Windrose, ein kooperatives Survival-Action-RPG für eins bis acht Spieler, das vor ein paar Tagen in einer ersten Early-Access-Version auf Steam erschienen ist. Wer sich mit dem Genre auskennt, für den ist Windrose schnell beschrieben: Windrose ist Valheim mit Piraten. In der Tat hat Windrose mit dem Pandemie-Hit von 2021 so viel gemeinsam, dass man es getrost als Abklatsch bezeichnen kann, jedenfalls was die Spielmechaniken angeht, denn die Grafik hebt sich deutlich vom Wikinger-Survival-Vorbild ab. Das ist an sich erst mal nicht schlecht, denn Valheim ist nicht umsonst beliebt: Die ausgeklügelten Spielmechaniken begeistern auch fünf Jahre nach Erscheinen der ersten Early-Access-Version immer noch eine ziemlich große Fangemeinde. Deshalb ist „Valheim mit Piraten“ auch eine ziemlich geniale Idee.
Vom Rum alleine lässt es sich nicht leben
Für alle, die Valheim nie gespielt haben, sei das Spielprinzip von Windrose kurz erklärt. Es ist eine Art Survival Game Light. Weder Essen, Wasser noch Schutz vor der Witterung sind lebensnotwendig. Die Spielfigur überlebt, wenn man in keine Kämpfe mit Piraten, Wildschweinen oder den überraschend aggressiven, allgegenwärtigen Dodos gerät, auf unbestimmte Zeit. Wasser braucht man keins, Rum und Kaffee sind ein Bonus. Allerdings ist der eigene Gesundheitsbalken am Anfang so miserabel kurz, dass der eigene Möchtegern-Pirat selbst für einen Dodo leichte Beute ist. Zwar ist der Tot nicht das Ende des Spiels, aber man verliert viele der gesammelten Gegenstände. Das ist lästig, also sollte man sich auf die Suche nach etwas zu Essen machen.
Zwei Essens-Slots wollen gefüllt werden. Jeder der zwei erweitert den Lebens-Balken deutlich. Allerdings muss man jederzeit zwei verschiedene Gerichte parat haben, ein unterschiedliches für jeden Essens-Slot, um mit der maximalen Lebensenergie in wilde Piratenabenteuer starten zu können. Es heißt also fleißig Zutaten zu sammeln und beim Abenteuern immer ein Auge für neuer Rezepte offen zu haben. Dabei kann man nicht nur Gegner wie Riesenkrabben zu Kebabs verarbeiten, sondern auch Bananen, Dodo-Eier und Cayennepfeffer in kreativen Kreationen verwerten.
Später kann man sich neben einer Kochstelle auch einen Alchemie-Tisch bauen und die verschiedensten Tränke brauen. Hier kommt dann auch der beste Freund eines jeden Piraten zum Einsatz: der Rum. Neben Lebens-Elixieren, die Wunden heilen, gibt es eine ganze Ansammlung verschiedener Tränke, mit denen man seine Angriffskräfte verbessern oder sich nach Hause teleportieren kann.
Was wäre ein Pirat ohne eigenes Schiff?
Nachdem ihr Palmen gefällt, Pflanzenfasern gesammelt und euch eine erste Hütte auf dem Strand der einsamen Insel gebaut habt, wird es Zeit, ins Landesinnere vorzudringen. Hier erwarten euch nicht nur wilde Tiere, sondern auch mysteriöse Ruinen. Später erhaltet ihr Zugang zu einer kleinen Jolle, mit der ihr weitere Inseln im Archipel erkunden könnt. Dort stoßt ihr schließlich auf Piratennester von Blackbeards Männern. Nach und nach befreit ihr die dort gefangenen Seemänner und stellt euch so euere eigene bunt zusammengewürfelte Piraten-Crew zusammen.
Dann macht ihr euch daran, eins der vielen Schiffswracks, die es in diesem Teil der Karibik wie Sand am Meer gibt, wieder seetüchtig zu machen. Unterwegs findet sich neben allen möglichen zeitgenössischen Waffen wie Säbeln, Schwertern, Hellebarden, Pistolen und Schwarzpulver-Büchsen auch den für einen Piraten-Captain obligatorischen Dreispitz. Jetzt kann es losgehen:Auf in den Kampf mit Blackbeards Flotte!
Wie das Wikinger-Vorbild Valheim auch, so teilt sich die zum größten Teil aus prozedural generierter Geografie zusammengesetzte Welt von Windrose in verschiedene Landschaften auf. Zuerst geht es darum, in einer Landschaft versteckte Geheimnisse zu finden. Diese ermöglichen das Bauen neuer Werkzeuge, was es einem nach und nach ermöglicht, immer stärkere Gegner zu überwinden, bis man schließlich auf den Endboss der jeweiligen Landschaft trifft. Danach geht es dann damit weiter, einen neuen Landstrich zu erkunden und neue Herausforderungen zu meistern.
Im Falle von Windrose stellt sich euch, nachdem ihr das Küstendschungel-Biom erkundet habt, Kapitän Thomas Richards entgegen — der Hundesohn, der euer Schiff niederbrannte und euch den Haien überlies. Also wird es nun Zeit, Kapitän Richards zu zeigen, wie es sich anfühlt eine kalte Kugel mitten ins Herz zu bekommen.
Düsterer Humor, wunderschöne Karibik
Wo sich Windrose, neben dem Piraten-Gewand, am deutlichsten vom Vorbild Valheim abhebt, ist die Grafik. Wo Valheim trotz der doch eher düsteren Wikinger-Endzeit-Stimmung pixelig-süß daher kommt, ist die Grafik von Windrose deutlich realistischer. Dass man von einem Indie-Spiel im Early Access keine revolutionären Grafik-Fortschritte erwarten kann, ist klar, aber das Spiel nutzt viel Potential der Unreal Engine. Die Palmen-Dschungel sind befriedigend dicht, die Strände weitläufig und vor allem Himmel und Meer des Spiels sind imposant. Das Segeln im Sturm, sowohl am Anfang in der Jolle, als auch später auf einem richtigen Schiff, kann einem schon mal den Atem verschlagen. Die Wellenberge sind episch und Schiffsgefechte überzeugen mit donnernden Breitseiten und dem stimmungsvollen Knallen der Segel in Wind.
Trotz blutiger Säbelduelle, Killer-Krabben und Wasserleichen-Zombies ist Windrose aber bunt genug, um generell eine leichtfüßig-humorvolle Stimmung beizubehalten. Der Tonfall des Spiels orientiert sich definitiv an Disneys Fluch der Karibik. Ernst zunehmen ist vor allem der Schwierigkeitsgrad. Besonders, wenn man alleine unterwegs ist. Ähnlich wie bei Valheim legt man sich bei Windrose seine Spielfigur getrennt von einer Spiele-Welt an, die zum Teil dynamisch generiert wird und so bei jedem Mal etwas anders aussieht. Die Schwierigkeit der Welt kann man bis ins Detail regeln und man kann bis zu sieben andere Spieler in die eigene Welt einladen. Zusätzlich sind dezidierte Server-Welten mit noch mehr Spielern möglich.
Grundsätzlich ist Windrose für vier Spieler konzipiert. Man kann das Spiel auch als Solo-Spieler gut spielen, allerdings steigt der Schwierigkeitsgrad dann deutlich. Im normalen Spielmodus wirkt für einen einzelnen Abenteurer der erste Endgegner fast wie ein Boss aus Elden Ring. Man muss sich darauf einstellen, mit unter oft zu sterben. Immerhin verliert man hier nie Erfahrungspunkte.
Das Kampfsystem von Windrose ist am Anfang gewöhnungsbedürftig. Es wirkt relativ langsam und baut stark auf dem Parieren der Angriffe von Gegnern auf — eine Technik, die man unbedingt erlernen sollte. Hat man den einzigartigen Rhythmus der Piratenduelle aber erst einmal verinnerlicht und verstanden, wann man taktisch geschickt die begrenzte Munition für Schusswaffen am besten anwendet, so wird das Ganze zu einem kunstvollen Tanz, der überraschend viel Tiefe besitzt. Vor allem bei Säbelduell mit anderen Piratenkapitänen macht das Ganze ziemlich viel Laune!
Early-Access-Auster oder doch Miesmuschel?
Die Karibik, die in Windrose dargestellt wird, ist ebenso unrealistisch wie sie Freude macht. Das Erkunden der wunderschönen Inseln zu Fuß macht genauso viel Spaß wie das Umsegeln der Archipele hinter dem Steuer der eigenen Sloop. Säbelduelle in Piraten-Camps werden ebenso wenig langweilig wie die Versuche, den eigenen Kahn in Position zu manövrieren und gleichzeitig der Breitseite des gegnerischen Schoners auszuweichen.
Windrose ist eine sehr gelungene Umsetzung der Piraten-Fantasie und für ein gerade erst im Early-Access-Modus erschienenes Spiel überraschend umfangreich. Ganz zu schweigen davon, dass anscheinend mit sehr wenigen Bugs und einem ziemlich auf Hochglanz polierten Spielprinzip daher kommt. Für knapp € 30 bekommt man hier wirklich viel geboten.
Das Piraten-Abenteuer ist in seiner aktuellen Ausstattung bereits empfehlenswert. Wenn das Entwicklerteam getreu dem Wikinger-Vorbild Vahlheim während der Early-Access-Phase über Jahre fleißig weiter an dem Spiel arbeitet, so könnte aus Windrose eins der besten Piraten-Spiele aller Zeiten zu werden.
Bildergalerie
Einmal hinter dem Steuer des eigenen Piratenschiffs stehen: Windrose erfüllt diese Fantasie eindrucksvoll.
Die Dodos sind überall. Ist der Spieler etwa der Grund, warum diese Art schließlich ausgestorben ist?
Neben wilden Tieren muss man sich am Anfang des Spiels vor allem mit Untoten rumschlagen.
Kaffee nimmt im Spiel fast so eine wichtige Rolle ein wie im Leben eines Videospiele-Redakteurs.
Im Kampf alleine gegen mehrere Gegner zeigt sich, warum die Entwickler empfehlen, das Spiel im Koop-Modus zu erkunden.
Mit unserer Jolle erkunden wir eine neue einsame Insel.
Die Säbel-Duelle mit anderen Piraten machen unglaublich viel Spaß!
Was wäre ein Piraten-Spiel ohne versteckte Schatzkisten?
Im Laufe des Piraten-Abenteuers gilt es, alle möglichen Orte zu entdecken. Die versteckten Ureinwohner-Tempel wirken wie eine kleine Homage an vergangene Tomb-Raider-Spiele.
Die Karibik des Spiels ist zum größten Teil dynamisch erzeugt. Inseln sehen in jeder neu generierten Spiele-Welt etwas anders aus.
Im Solo-Modus muss man sein Schiff selber navigieren und gleichzeitig schießen, was durchaus anspruchsvoll ist und einiges Geschickes bedarf.
Nachdem man den gegnerischen Kahn sturmreif geschossen hat, manövriert man das eigene Schiff längsseits, setzt über und es geht in den Nahkampf mit der gegnerischen Besatzung.
Das erste Lager wird am Strand einer einsamen Insel aufgeschlagen.
Das Wetter, und vor allem das Meer und die Wellen, in Windrose sind beeindruckend.
Der Dschungel ist befriedigend dicht und es macht viel Spaß, sich mit der Axt dort durchzuschlagen.
Schon die Landschaften des ersten Bioms, in dem man die ersten Dutzend Stunden verbringt, sind ziemlich abwechslungsreich.
Das erste eigene Schiff ist der erste echte Meilenstein des Spiels.
Jack Sparrow lässt grüßen.
Die kleinen, tropischen Inseln sind mitunter wunderschön.
Im Inland gibt es einiges zu entdecken. Unter anderem Tempelruinen der mysteriösen Ureinwohner.
Pirat zu sein heißt vor allem eins: Frei zu sein. Das Spiel vermittelt diesen Mythos wirklich sehr gut und gibt einem wirklich das Gefühl, das eigene Schicksal in der Hand zu haben.
Die Sonnenuntergänge in Windrose sind zum Teil atemberaubend.
Die Dynamik der Wellenberge und -täler trägt nicht nur dazu bei, das Spiel viel realistischer wirken zu lassen, bei Seegefechten kann man die Dynamik des Meeres mit etwas Geschick zu seinem Vorteil nutzen.
Im Solo-Modus vermittelt Windrose eine ganz eigene Stimmung. Warum ist der Rum schon wieder leer?
Das Wetter ist hauptsächlich was fürs Auge, wurde aber liebevoll bis ins Detail umgesetzt.
Die Piratenkneipe in Tortuga vermittelt gekonnt die Stimmung der beliebten Disney-Filme, ohne dabei zu sehr zu einem billigen Abklatsch zu verkommen.
